Es gibt Filmtitel, die sofort abschrecken. Und es gibt Inhaltsbeschreibungen, die diese Reaktion noch unterstützen. Und wenn nicht zufällig irgendwann ein Trailer gelaufen wäre, hätte ich diesen Film sicher nicht wahrgenommen oder als den üblichen seichten Kinoliebeskitsch abgetan. Einen kurzen Moment der Besinnung hätte aber das Land, aus dem das Werk stammt, auslösen können: Frankreich. Da der Trailer nun also einen anspruchsvollen Film versprach und mein leichter Hang zu französischen Produktionen mir sowieso keine Wahl ließ, galt es nur noch eine Frage zu klären: Liebt er sie nicht mehr?
Chloé ist von ihrem Mann verlassen worden. Paradoxerweise kommt sie mit ihren beiden Töchtern vorerst bei seinem Vater Pierre in einer abgelegenen Hütte weit abseits von ihrem Leben in Paris unter. Sie ist lethargisch, redet nicht, starrt vor Unfassbarkeit vor sich hin. Das ändert sich als ihr Schwiegervater beginnt, von einer Frau zu erzählen, für die er alles aufgeben wollte und es doch nicht tat – Mathilde. Die Liebe seines Lebens, über Jahre hinweg trafen sie sich an allen Enden der Welt, konnten nicht mehr ohne einander sein. Und Pierre? Er haderte, hatte Angst um sein Leben, seine Familie, sein Ferienhaus am Meer und wollte beides haben – Mathilde und all den Rest seines bisherigen Lebens. Als er seinen Fehler erkennt, hat Mathilde bereits ein Entscheidung getroffen.
Die Moral von der Geschicht’? In Liebesdingen had’re nicht. „Je l’amais“ zeigt auf wunderbar leise Weise beide Seiten der Liebe – aus Sicht der Verlassenen und aus der Perspektive des Liebenden. Der Film lässt uns spüren, wie es ist, auch 20 Jahre nach dieser einen Begegnung jeden Tag an sie denken zu müssen, keinen Schritt gehen zu können, ohne sich selbst Vorwürfe zu machen. Was wäre wenn? Wenn Pierre zu ihr, bei der er sich das erste Mal lebendig fühlte, gestanden hätte? Wäre es nicht die einzig richtige Entscheidung gewesen. Hätte er seiner Familie dann nicht Scheinheiligkeit, Ausreden und Kälte erspart? Die versteckte, aber eindeutige filmische Antwort: ja, seid froh, wenn ihr verlassen werdet von jemandem, den ihr nicht hundertprozentig liebt – es bleibt euch Oberflächlichkeit erspart, die sich nicht absichtlich, sondern durch die Liebe zu einem anderen Menschen ganz automatisch einstellt – und: liebt ihr einen Menschen ohne Kompromisse, ist einzig der Mut beider nötig, sich dies genauso kompromisslos mit allen Konsequenzen einzugestehen.
Trotz einiger Unlänglichkeiten in der Synchronisation und vereinzelt in der Dialoggestaltung ist dieser Film ein anrührendes, in keinster Weise kitschiges, aber dafür melancholisches Plädoyer für diesen Mut. Wer ihn im richtigen Moment nicht aufbringt, bereut es sein ganzes langes restliches Leben – wie Pierre. Insofern: ab ins Kino, von Pierre lernen und es im eigenen Leben besser machen.